Erste Hilfe bei Schlaganfall

  • Danke Toefel für Deine wertvollen Hinweise. Dich hätte ich vor sieben Jahren gerne als Notarzt gehabt. Meine Frau (Raucherin) erlitt eine massive Hirnblutung durch ein geplatztes Aneurysma. Obwohl ich bereits beim ersten Anruf auf eine mögliche Hirnverletzung hinwies (beide Brüder sind an Aneurysmen verstorben), diagnostizierte der Notarzt eine Lebensmittelvergiftung, da sie erbrochen hatte und zeitweise ansprechbar war. Sie wurde ganz gemütlich ohne Blaulicht ins Kreiskrankenhaus (18 km) gefahren. Erst auf mein energisches Beharren auf eine CT-Untersuchung wurde diese acht Stunden (!) nach der Blutung durchgeführt. Meine Frau verstarb im CT und wurde glücklicherweise reanimiert. Danach Verlegung in die Universitätsklinik in Heidelberg. Dort gaben ihr die Ärzte eine 2% Chance aufs Überleben. 12 Stunden OP, 2 Wochen Koma, zwei weitere Wochen Intensivstation und zehn Wochen Reha. Nach drei Monaten wurde noch ein Shuntsystem installiert. Happy-End: Sie hat es tatsächlich geschafft, ist bis auf kleine Baustellen wieder komplett genesen. Sie fährt Auto, ist halbtags berufstätig und wird in der Heidelberger Kopfklinik wie die Mutter Gottes verehrt.


    Wichtig: nicht einschüchtern lassen ("ICH! Bin der Arzt!") und bereits beim ersten Anruf Schlaganfall/Hirnverletzung betonen. Wer dann kommt, und was der dann veranlasst liegt allerdings in Gottes Hand.

    Männer werden 12. Danach wachsen sie nur noch.


    iGude aus Hesse

  • @ Jochen: Bei Rettungsleitstellen mehrfach für den selben Notfall anrufen ist nicht sinnvoll. (Wichtig: beim ersten Anruf möglichst genau schildern, was eigentlich los ist. Wer den Verdacht hat, dass es sich um einen Schlaganfall handeln könnte, sollte das sagen.) Deine Bemerkungen im 2. Absatz sind völlig korrekt!

    Das habe ich vielleicht missverständlich geschrieben - meine Mutter war der Meinung daß es sich bei meinem Vater schon geben würde.


    Da musste ich dann nachdrücklich werden damit der Notarzt verständigt wurde, nachdem man dafür ca 8 Stunden gewartet hat (Hin und wieder bin ich beim arbeiten....), und dann erst ganz schüchtern gefragt hat....(Das war der 2 - also nicht davon zu sprechen das meine Mutter davon nix davon hätte wissen können - beim 1, hat die damlige Nachbarin den Notzarzt sofort kontaktiert)

  • Grundsätzlich gibt es den Ausführungen von Toefel fast nichts mehr hinzuzufügen.

    Nur 2 Ergänzungen:


    - Nebst der interventionell-radiologischen Thrombektomie (also Entfernung des Blutgerinnsels mittels Katheter unter Durchleuchtung) gibt es auch noch die Möglichkeit der Thrombolyse, wofür man ein 4-6 Stunden Fenster (je nach Lokalisation/Ausmass/etc.) des Gerinnsels hat. Das heisst, es wird ein Medikament in die Vene gespritzt, das das Blutgerinnsel auflöst. Dazu ist immer zuerst eine Computertomographie notwendig.


    - Speziell für die Schweizer hier oder falls ihr mal in der Schweiz unterwegs seid und in die Situation kommt: in der Schweiz ist das Rettungssystem insb. die Ausbildung ziemlich anders organisiert. Die Rettungssanis hier sind auf einem absoluten top Niveau mehrjährig ausgebildet und fahren 90% der Einsätze ohne Notarzt. Der Notarzt kommt meist nur bei akut lebensbedrohlichen Situationen mit unmittelbar drohendem (oder innert kurzer Zeit zu erwartendem) Atem- oder Kreislaufversagen oder wirklich schweren Verletzungen hinzu. Also wenn ihr den Notruf wählt und sagt, dass jemand die eine Körperhälfte nicht mehr bewegen kann und nur noch komisch lallt, aber grundsätzlich bei bewusstsein und wach ist und halbwegs normal atmet (darüber werdet ihr vom Disponenten am Telefon abgefragt), erwartet bitte nicht, dass ein Notarzt kommt. Dann kommen 2 Rettungssanitäter, die den Patienten ins nächstgelegene Spital mit entsprechender Behandlungsmöglichkeit fahren (ja, mit Blaulicht). Der Notarzt kommt erst dann, wenn der Patient nicht mehr bei Bewusstsein ist oder nicht mehr richtig atmet oder gröbere Kreislaufprobleme hat (was die Sanitäter anhand des Monitorings feststellen werden). Und ja, die Sanitäter legen auch eine Infusion, verabreichen wenn nötig Medikamente und können im Zweifelsfall jederzeit mit dem Notarzt telefonieren und sich so weitere Instruktionen oder die Freigabe von Medikamenten, die sie nicht von sich aus geben dürfen, einholen. Oder anders gesagt: wenn der Notarzt auf Platz kommt, ist das nicht unbedingt ein sehr gutes Zeichen...


    Also, ihr könnt (egal ob als Laie oder als Profi) ausserhalb des Spitals nur sehr wenig tun:

    - Rettung alarmieren

    - Falls vorhanden Helfer an die Strasse schicken um den RTW einzuweisen (ja - nicht selten geht Zeit verloren, weil zuerst die Wohnung gesucht werden muss)

    - Den Patienten stabil lagern (z.B. in Seitenlage oder zumindest so, dass er z.B. nicht vom Stuhl fallen kann, etc.).

    - Den Patienten beruhigen und auf den Rettungsdienst warten (nichts zu essen oder zu trinken geben, auf GAR KEINEN FALL Medis geben, nicht aufstehen lassen, etc.)


    Gruss

    Christoph

  • @ Christian u. Christoph: mal ein dickes Dankeschön für eure Ausführungen.

    Sehr interessant und aufschlussreich.


    Viele Grüße

    Mario

    Erfahrung der letzten Jahre:
    Fahre mehr als gedacht, aber weniger als gewollt.

  • Dem schliesse ich mich gerne an. GOO

    Mein Schwager und mein Schwiegervater hatten vor kurzem einen Schlaganfall. Dank der schnellen Hilfe von Arzt und Spital konnten gröbere Komplikationen vermieden werden.

    Gruss Markus



    Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, daß er tun kann, was er will, sondern daß er nicht tun muss, was er nicht will (Jean-Jacques Rousseau)

  • Jetzt habe ich zwei Meinungen, die sich optimal ergänzen, danke schön.

    Ich hoffe, dass ich diese Ratschläge nie brauchen werde, aber man kennt ja das Pferd vor der Apotheke...


    Soweit ich gelesen habe, macht ein Transport ins Krankenhaus auf eigene Faust, um Zeit zu sparen, keinen Sinn, weil der Notarzt oder die Schweizer Sanis unterwegs nach freien Kapazitäten telefonieren können.

    Ist einleuchtend und wird wohl so stimmen.

  • Soweit ich gelesen habe, macht ein Transport ins Krankenhaus auf eigene Faust, um Zeit zu sparen, keinen Sinn, weil der Notarzt oder die Schweizer Sanis unterwegs nach freien Kapazitäten telefonieren können.

    Ist einleuchtend und wird wohl so stimmen.

    Ein Transport auf eigene Faust macht im Notfall NIE Sinn!

    Ich habe schon oft das Argument gehört "Ich brauche ins Spital ja weniger lange, wie der RTW zu mir".

    Ja, da kommt dann aber noch ein riesiges ABER von meiner Seite:


    - Was du geschrieben hast, ist absolut korrekt. Nicht jedes Spital kann alles und ist gleich gut ausgestattet. Und manchmal ist es auch noch Abhängig von Tageszeit und Werktag/Sonntag, etc. Die Sanis und der Notarzt kennen ihr Einsatzgebiet und die darin möglichen Versorgungen. Und sie kennen auch die "weitere Umgebung" und was dort möglich ist. Sie kennen die Transportzeiten und können eben auch telefonieren. Um beim Beispiel Schlaganfall zu bleiben. Wenn ich da so an meine Gegend hier denke... Ins nächste Spital sind es 5.5 km, ins übernächste 10,5 km und ins über-übernächste 22 km. Die umliegenden RTWs sind 10 km westlich, 10,5 km östlich, 22 km östlich, 15,5 km südlich (nur tagsüber besetzt) und 20,5 km südlich stationiert. Jeweils ein Notarzt in 10,5 km (westlich) und in 22 km (östlich) Entfernung.

    So sieht die Situation übrigens ganz häufig aus in der Schweiz, also das könnte man durchaus als "Modell" verwenden.

    Jetzt sehe ich, dass jemand bei mir plötzlich einen Arm nicht mehr bewegt, "irgendwie komisch" ist, vielleicht nicht mehr redet, etc.


    Szenario A:

    Ich komme auf die Idee, denjenigen ins Auto zu setzen und 5,5 km ins Spital zu fahren. Also Auto aus der Garage holen, den Patienten irgendwie aus dem Haus ins Auto bringen, ins Spital fahren. Vielleicht komme ich noch auf die "blöde" Idee, eine Zahnbürste und Unterhose einzupacken? Nach geschätzt etwa 25 Minuten dürfte ich im Spital sein. Und dann bin ich halt dort. Nur weiss davon ja noch niemand im Spital. Also jetzt muss eine Aufnahme gemacht werden. Das Fräulein am Empfang nimmt die Daten auf und informiert die Notaufnahme, dass ein Patient mit Schlaganfall da ist. Wahrscheinlich kommt jetzt jemand von der Notaufnahme und holt uns am Empfang ab, bringt uns auf die Notaufnahme, "verkabelt" den Patienten, legt eine Infusion und sagt dem Doktor, dass ein Schlaganfallpatient da ist. Es sind nochmals 10 Minuten seit Ankunft im Spital vergangen. Total 35 Minuten. Der Doktor ist aber leider gerade dabei, eine Blutung zu stillen. Da es ein kleines Spital ist, ist nur ein Doktor auf der Notaufnahme. Und der kann nicht weg, weil der andere Patient sonst verblutet. Die Notfallpflege versucht nun einen anderen Arzt von einer Station zu holen. Der Doktor kommt auch - und das schon nach 10 Minuten. Er untersucht den Patienten kurz und stellt fest "das könnte ein Schlaganfall sein - wir müssen ein CT machen". Da es bereits Abend um 8 ist, wurde das CT, das in der Nacht nur "auf Pikett" verfügbar ist, bereits heruntergefahren. Also wird die MTRA angerufen, die ist von ihrem Pikettzimmer ausserhalb des Spitalareals in 10 Minuten hier, fährt das CT hoch (das dauert 30 Minuten). In der Zeit meldet der Doktor das CT an und der Radiologe, der telemedizinisch aus dem Zentrumsspital hinzugeschaltet ist (kleinere Spitäler schliesslich sich für die Radiologie gerne an einem Zentrumsspital an über Telemedizin), gibt das Protokoll frei. Inzwischen sind wir bei 85 Minuten. Nach dem CT braucht das System ein paar Minuten um die Bilder zu rendern, der Radiologe schaut sich die Bilder an und bestätigt den Verdacht eines Gefässverschlusses. Die Indikation zur Lyse ist gegeben. Aber das geht im kleinen Spital nicht. Dort gibt es das notwendige Medikament nicht, es gibt keinen Neurologen, der die Therapie durchführt und es gibt keine Intensivstation zur anschliessenden Überwachung. Wir sind inzwischen übrigens bei 100 Minuten. Der Doktor auf der Notaufnahme ruft nun also im Zentrumsspital an, erklärt alles dem Neurologen. Der will sich noch kurz die Bilder anschauen und meldet sich 15 Minuten später und sagt, man soll den Patienten zu ihm ans Zentrumsspital verlegen. Der Rettungsdienst wird für die Verlegung aufgeboten. Der RTW trifft nach 15 Minuten ein, es gibt einen kurzen Rapport, der Patient wird von der Liege der Notaufnahme auf die Trage der Sanis übernommen, wird dort neu "verkabelt", in den RTW gebracht und 20 Minuten ins Zentrumsspital gefahren. Wir sind bei 180 Minuten. Im Zentrumsspital dann nochmals umlagern, neu verkabeln, Rapport. Und dann endlich - nach 200 Minuten und ganz kurz vor "schliessen" des Lysefensters kann das Medikament gegeben werden. Und um ehrlich zu sein: das ist eher die Situation, wenn alles ideal läuft. Wenn der RTW nicht gerad eim Einsatz ist und ein anderer RTW von weiter weg kommen muss. Oder auf der Notaufnahme des ersten Spitals gerade reanimiert wird und Kapazitäten gebunden sind. Oder.....


    Szenario B:

    Ich entscheide mich gegen einen Transport auf eigene Faust und rufe den Rettungsdienst. Der RTW trifft nach 15 Minuten bei mir ein. Die Sanis untersuchen den Patienten und erkennen den Schlaganfall. "Verkabeln", Infusion, Patient auf die Trage und ab in den RTW. Wir sind bei 35 Minuten. Mit der Diagnose ist die Zentrumsindikation gestellt. Der RTW fährt mit Blaulicht in Richtung Zentrumsspital mit Stroke-Unit (die Sanis wissen, dass die beiden näher gelegenen Spitäler nicht über die entsprechenden Möglichkeiten verfügen). Die Fahrt dauert 20 Minuten. Noch nicht mal losgefahren, telefoniert einer der Sanis (der die ganze Zeit beim Patienten bleibt) mit dem Zentrumsspital. Meldet den Patienten mit Verdachtsdiagnose an. Bei Ankunft im Spital (wir sind bei 60 Minuten) steht schon alles bereit. Es wurde ein sog. "Lyse Call" ausgeführt, so dass CT, MTRA, Radiologe, Neurologe, Notfallpflege und Behandlungsraum schon bereit stehen, wenn der RTW vorfährt. Eintrittsformalitäten gibt es keine, die wurden schon im Hintergrund erledigt und der Patient ist im System schon aufgenommen, ehe er überhaupt im Spital ist. Es geht kurz in den Behandlungsraum, der Neurologe macht nochmals eine kurze Untersuchung, es wird Blut abgenommen, die CT-Anmeldung bestätigt und der Patient ins CT gefahren. Ein paar Minuten später steht die Diagnose und die Lyse wird eingeleitet. Ziel: Ankunft des RTW bis Lyse in weniger als 30 Minuten. Total sind wir jetzt also bei 90 Minuten.


    Also obwohl wir auf den RTW gewartet haben und obwohl der RTW ein Spital in 4-facher Entfernung angefahren hat, hat es am Schluss nicht mal halb so lange gedauert, bis der Patient behandelt wurde. Und wenn jetzt das CT im Zentrumsspital vielleicht gerade defekt ist? Oder dort gerade 4 Schwerstverletzte nach einem grossen Verkehrsunfall eingeliefert wurden? Nun, dann erfahren das die Sanis am Telefon auch. Dann rufen sie einen Hubschrauber und lassen den Patienten in die 80km entfernte Uniklinik fliegen. Das dauert dann auch nicht viel länger, aber der Patient bekommt die nötige Versorgung und kann dann in ein paar Tagen wieder ins "heimatnahe" Spital überführt werden.


    Hinzu kommt noch die Frage, was du machst, wenn es dem Patienten unterwegs im Auto plötzlich schlecht geht? Anhalten und dann die Rettung alarmieren? Die müssen dann den Patienten zuerst aus dem Auto holen und anfangen zu behandeln, anstatt zu Hause in der Wohnung oder im dafür eingerichteten RTW (der praktisch eine fahrende Intensivstation ist).


    Also nein - ein Transport auf eigene Faust ist bei ernsteren Sachen keine gute Idee. Klar, eine kleine Schnittwunde am Arm, die vielleicht genäht werden sollte, ist eine andere Sache. Da kannst du gut ins Auto steigen, ins nächste kleine Spital fahren, dort eine halbe oder eine ganze Stunde warten, die Wunde nähen lassen und wieder nach Hause fahren. Aber wenn es wirklich zählt - ruf den Rettungsdienst! Dafür sind die nämlich da.


    christoph.ruest

    Herzlichen Dank für deine professionelle Ausführung!👍👌

    Immer gerne :)


    Gruss

    Christoph

  • Sehr schön beschrieben. Wer das nicht versteht, dem ist nicht zu helfen. Achtung: Wortwitz :-)

  • Ich habe mich bei einem NSTEMI von meiner Frau ins KH fahren lassen. Später hat uns eine Notärztin mal dazu die Meinung gesagt. Nicht zu verantworten: Weil, was passiert, wenn es mir unterwegs schlechter gegangen wäre - Auto anhalten - evtl. kein Handyempfang - keine weiteren Helfer - weiterfahren geht nicht wegen Wiederbelebungsversuchen - mitten im Wald von den Sanis schwer zu finden - usw. . Im Endeffekt kommt einem die fahrt (10min) sehr lange vor.

    Seit dem wissen wir: In solchen fällen Anrufen und warten.


    Gruß

    Mario

    Erfahrung der letzten Jahre:
    Fahre mehr als gedacht, aber weniger als gewollt.